„…denn sie wissen, was sie tun“

„…denn sie wissen, was sie tun“

Aus aktuellen Anlass veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Gastbeitrag, den Genoss_innen von uns für die November-Ausgabe des Transmitter verfasst haben. Ziel des Textes ist es, eine Veranstaltung in Hamburg zu skandalisieren, bei der bekannte linke Antisemit_innen aus Hamburg planen, die Kritik des Antisemitismus in der Linken als Teil einer „Kampagne” gegen die Partei „Die Linke” zu verkaufen.
Arnold Schölzel (Junge Welt, früher Stasi) Susann Witt-Stahl (TAN) und Thomas Immanuel Steinberg (SteinbergRecherche, bekennender Antisemit) haben sich dafür ausgerechnet den – jawollja! – 9. November ausgesucht, den Jahrestag der Novemberpogrome von 1938. Wie linker Antisemitismus und Schlussstrich-Mentalität sich bei diesen wahrhaft deutschen Linken verquicken, analysieren die Genoss_innen von der Gruppe Krawehl in ihrem Beitrag.

Die Antisemitismus-Falle - Bild von lizaswelt
Die Antisemitismus-Falle – Bild von lizaswelt

„…denn sie wissen, was sie tun“

Teile der Hamburger Linkspartei wollen ausgerechnet den Gedenktag des 9. November nutzen, um erneut den Antisemitismus in der deutschen Linken zu leugnen.

„Doch dann kam dieser Morgen – ein Morgen, der so aussah wie jeder andere. Karin und ich waren auf dem Weg zur Schule. In den Straßen war es ruhig. Vielleicht zu ruhig. Irgendetwas stimmte nicht. Aber was? In der Nähe der Rentzelstraße trafen wir zwei Klassenkameraden. Sie weinten. Erst nach einer Weile erzählten sie uns den Grund. So erfuhren wir, daß während der Nacht Deutsche jüdische Geschäfte geplündert hatten, daß sie Synagogen angezündet und entweiht hatten, nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland. Es war der 10. November 1938.“ (1)

In ihren Erinnerungen „Von der Asche zum Leben“ beschreibt die in Hamburg geborene Auschwitz-Überlebende Lucille Eichengreen, wie sie als 13-Jährige den 9. November 1938 erlebte. Das später von den Nazis als „Reichskristallnacht“ bezeichnete Pogrom, so schreibt sie, habe damals „unauslöschliche Spuren in allen jüdischen Kindern“(2) hinterlassen. Die an diesem Tag vom nationalsozialistischen Regime vorbereiteten und von ganz normalen Deutschen ausgeführten Gewalttaten stehen als Symbol für alle Gräuel, die in Deutschland an Jüdinnen und Juden verübt wurden. Dass der 9. November damit allgemein für die Vernichtung des jüdischen Volkes in Europa steht, hat einen spezifischen Grund: Dieser Tag markierte eine entscheidende Eskalationsstufe von der schleichenden Entrechtung, Erniedrigung und Unterdrückung jüdischer Menschen in Deutschland hin zur systematischen Vernichtung.

Allein am 9. und 10. November 1938 wurden etwa 400 Jüdinnen und Juden ermordet, über 1000 Synagogen und Gebetsräume geschändet, mehrere Tausend jüdischer Geschäfte und Wohnungen geplündert oder verwüstet. Mehr als 30.000 Jüdinnen und Juden wurden in Konzentrationslagern inhaftiert. Heute ist der 9. November daher allgemein anerkannt als ein Tag der Trauer, ein Tag des Gedenkens – nicht nur an die direkten Opfer der Novemberpogrome, sondern auch an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die in der Folge dem antisemitischen Vernichtungswillen der Deutschen zum Opfer fielen. In Hamburg gibt es an diesem Tag jedes Jahr eine Kundgebung auf dem Joseph-Carlebach-Platz, dem ehemaligen Bornplatz – wo nur die in den Boden eingelassenen Steine an die Große Bornplatzsynagoge erinnern, die am 9. November 1938 geschändet und 1939 abgerissen wurde.

So wie der 9. November historisch den Übergang von der Ausgrenzung zur Vernichtung bedeutete, so steht er auch für den inneren Zusammenhang zwischen Judenhass und Pogrom, antisemitischer Weltsicht und Gewalt. Dieser Tag verdeutlicht die zentrale Erkenntnis Jean-Paul Sartres, dass antisemitisches Gedankengut irgendwann immer zur blutigen Tat drängt: „Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden“.(3) Was schon 1938 für viele Beobachter_innen klar wurde, ist in der historischen Rückschau eindeutig: Spätestens nach den Novemberpogromen war abzusehen, dass es die Deutschen die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung planten. Damit ist der 9. November nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern auch ein Tag der politischen Mahnung, sich über die brutale Konsequenz jedes Antisemitismus keinerlei Illusionen zu machen.

Diese Erkenntnis ist ungebrochen aktuell, auch wenn im heutigen Deutschland häufig versucht wird, das Gedenken an den 9. November 1938 durch das Erinnern an die „friedliche Revolution“ vom 9. November 1989 abzulösen. Denn der Antisemitismus ist auch eine Realität des geeinten Deutschland. Das lässt sich nicht nur daran erkennen, dass jüdische Einrichtungen rund um die Uhr von schwer bewaffneten Beamten bewacht werden müssen. Es lässt sich auch an der Fortdauer antisemitischer Ressentiments in breiten Teilen der deutschen Bevölkerung ablesen. So lehnten in einer repräsentativen Umfrage von 2002 (4) nur 40% der Befragten die Aussage ab, auch heute sei „der Einfluss der Juden zu groß“. In derselben Erhebung stimmten 53% zumindest teilweise der zweiten Aussage zu, „die Juden“ arbeiteten „mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen“. In ähnlichen Umfragen, die wiederholt werden und stets zu ähnlichen Ergebnissen kommen, ziehen sich solcher Antisemitismus stets quer durch alle Altersgruppen, Bildungsniveaus, politischen Bekenntnisse und sozialen Klassen. Solange der Antisemitismus in Deutschland existiert, muss der 9. November ein Tag sein, um sich der Gefährlichkeit antisemitischen Denkens und seiner ungebrochenen Tradition in Deutschland bewusst zu werden.

Am 9. November diesen Jahres ist der Antisemitismus auch Thema einer Veranstaltung, zu der die „antikapitalistische Linke Hamburg“ einlädt, ein Zusammenschluss aus dem linken Flügel der Partei „Die Linke“. In der Veranstaltung, bei der die Journalistin und Tierrechtsaktivistin Susann Witt-Stahl und Arnold Schölzel – der Chefredakteur der Tageszeitung „Neues Deutschland“ – sprechen werden, geht es aber mitnichten um die Gefahr, die vom Judenhass heute für Jüdinnen und Juden ausgeht. Es geht auch nicht um den Antisemitismus in der Linken, obwohl dieser ein nicht zu leugnendes historisches Faktum ist: Vom judenfeindlichen Denken innerhalb der KPD in der Weimarer Republik über die antisemitischen Kampagnen unter Stalin bis zum Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin am 9. November 1969 durch die linksradikalen „Tupamaros West-Berlin“ gibt es reichlich Belege für linken Judenhass. Vielmehr treibt die beiden Gäste und ihren Moderator Thomas Immanuel Steinberg eine ganz andere Sorge um. Im Flyer zur Veranstaltung mit dem Titel „Die Antisemitismus-Falle – Die Funktion eines ungeheuerlichen Vorwurfs innerhalb der Partei Die Linke und gegen sie“ wird sofort deutlich, dass der Antisemitismus für die Veranstalter_innen kein ernstzunehmendes Problem, sondern einen reinen Vorwand darstellt. Völlig unverblümt wird dort behauptet, jede Kritik des linken Antisemitismus sei bereits Teil einer „Kampagne“ gegen die Linkspartei. (5)

Um diese Behauptung zu belegen, wird aus deutschen Zeitungen zitiert, die sich mit der 2011 zum Teil heftig geführten Debatte um die Virulenz des Antisemitismus in Teilen der Partei „Die Linke“ beschäftigen. Die Debatte war durch den Aufsatz „Antisemiten als Koalitionspartner“ ausgelöst worden, den die Antisemitismusforscher Samuel Salzborn und Sebastian Voigt vorgelegt hatten. (6) Aber auch vor diesem Auslöser hatte eine Vielzahl von Vorfällen aus den Reihen der Linkspartei die Existenz eines antisemitischen Flügels in der Partei mehr als deutlich belegt: So hatten sich drei Bundestagsabgeordnete der Partei 2010 an der ersten „Gaza-Flotille“ beteiligt, die vor allem von islamistischen und faschistischen Gruppen organisiert worden war, um unter dem Vorwand der Lieferung von Hilfsgütern die israelische Blockade des Gaza-Streifens zu brechen. Auf der Website des Kreisverbandes in Duisburg war ein Flugblatt aufgetaucht, in dem Israel mit dem nationalsozialistischen Deutschland verglichen und der Holocaust geleugnet wurde. Das Hamburger Parteimitglied Norman Paech hatte gefordert, die nächste Gaza-Flotille von der deutschen Kriegsmarine begleiten zu lassen: eine de facto-Kriegserklärung an Israel. Und schließlich war die linke Bundestagsabgeordnete Inge Höger auch noch öffentlich mit einem Schal aufgetreten, auf dem eine Landkarte des Nahen Ostens ohne die Grenzen des jüdischen Staates abgebildet war: Vernichtungswunsch als Modeaccessoire.

In der daraufhin geführten Debatte hatten die meisten Mitglieder der Partei „Die Linke“ jeglichen Antisemitismus in den eigenen Reihe geleugnet. Auch die „antikapitalistische Linke“ sprach von einer „Kampagne gegen die Partei“, mittels derer der „politische Gegner“ den „angeblichen Antisemitismus“ der Linken instrumentalisieren würde. (7) Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart linken Judenhasses wurde verweigert. In dieselbe Kerbe schlägt die Veranstaltung am 9. November 2011 in Hamburg. Die Veranstalter_innen vermögen in der Debatte um linken Antisemitismus lediglich ein „weiteres Indiz für die Verabschiedung der Partei von linken Inhalten und linker Gesinnung zwecks Koalitionsfähigkeit“ zu erkennen. Sie wiederholen damit ein altes Ausweichargument: Antisemitismus sei ein Problem der Rechten, Linke seien per se nicht antisemitisch – die Kritik des Antisemitismus sei daher nur ein Scheinargument, um linke Positionen zu diskreditieren. Die drei Personen, die die Hamburger Veranstaltung bestreiten, sind für derartige Positionen seit Jahren bekannt. Für sie bedeutet es schon das Ende linken Denkens, sich überhaupt mit der Kritik des Antisemitismus zu beschäftigen. (8)

Den Antisemitismus in der Linken öffentlich zu leugnen und seine Kritik als Hetzkampagne darzustellen, ist an jedem Tag im Jahr geschichtsvergessen und falsch. Am 9. November allerdings ist es schlichtweg skandalös. Die „antikapitalistische Linke“ und ihre Gäste setzen sich damit über das Gedenken an die Opfer hinweg und machen auch für die letzten Zweifler_innen deutlich, wo sie politisch stehen: Auf der Seite von Antisemit_innen, auf der Seite derer, die von der deutschen Vergangenheit nichts mehr hören wollen, auf der Seite der Täter_innen – auf der Seite der Konterrevolution. Als linke Antisemit_innen im Herbst 2009 die Vorführung des Lanzmann-Filmes „Pourquoi Israel“ verhinderten, trat der französische Regisseur Lanzmann ihnen mit den Worten entgegen: „Dass die Aufführung von Warum Israel in Hamburg verhindert wurde, ist für mich ein Ausdruck von Zensur. Die Deutschen, ob linksradikal oder nicht, haben sich wie Herren aufgespielt. Diese Rolle dürfen sie nie wieder spielen.“ (9) In diesem Sinne muss klargestellt werden: Der 9. November gehört den Opfern der deutschen Verbrechen – linker Antisemitismus à la Witt-Stahl, Schölzel und Steinberg gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.
Gruppe Krawehl


(1) Eichengreen, Lucille 2009: Von Asche zum Leben. Erinnerungen, Hamburg, S. 32
(2) ebd.: 33
(3) Sartre, Jean-Paul 1973: Betrachtungen zur Judenfrage. Psychoanalyse des Antisemitismus, in: ders. 1973: Drei Essays, Frankfurt a.M./Berlin.
(4) online hier (Punkt 6.)
(5) der Flyer findet sich hier
(6) Der Aufsatz findet sich hier
(7) Die Erklärung findet sich hier
(8) vgl. zum Beispiel hier
(9) vgl. das Interview hier